„Hilfe, ich habe meine Zahnbürste verschluckt!“

Was klingt wie der Titel einer Komödie, ist tatsächlich passiert. Auf  ähnlich verstörende Aussagen trifft man bei der pädagogischen und psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen, die an einer Essstörung erkrankt sind. Um diesen irritierenden Hilferuf zu verstehen, werfen wir einen Blick hinter die Kulissen von ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen.

„Ich habe gefressen, Essen in mich hineingestopft. Ich mache keinen Unterschied zwischen süß oder salzig, warm oder kalt – alles was an Essbarem da ist, wird verschlungen. Es geht sogar so weit, dass ich mir wie ein Hamster Vorräte in verschiedenen Verstecken anlege.“ Die 19-jährige Anne (Name wurde geändert) erzählt von ihrer Essstörung. Sie leidet seit fünf Jahren an einer Bulimia nervosa, auch Ess-Brechsucht genannt. Seit drei Jahren ist sie Bewohnerin in den ANAD Wohngruppen. Es habe als schleichender Prozess begonnen, sagt Anne. Anfangs war es die Unzufriedenheit mit dem Körper. Die Beine zu dick, der Bauch zu prall. Sie erlebte, wie in der Schule die Abweichung vom Schönheitsideal kritisiert wird, und dann der Hinweis einer Freundin „Versuch es doch mit Kauen und Ausspucken! Mit „chewing and spitting“ kannst du den Geschmack von verbotenem Essen genießen und nimmst dabei auch noch ab.“  

Was harmlos beginnt, endet im Kontrollverlust

Aber was hat es nun mit der verschluckten Zahnbürste auf sich? „Ganz einfach“, berichtet Anne, „nachdem ich mich entschied mein Essen nur noch zu kauen und wieder auszuspucken, vermisste ich das Gefühl eines vollen Bauchs – nur so fühlte ich Befriedung und eine kurzfristige Entspannung, die aber umgehend zu Reue, Scham und Schuld führte. So fing ich mit dem selbst herbeigeführtem Erbrechen an. Erleichtert wurde mir das Erbrechen, wenn ich mir eine Zahnbürste tief in den Rachen steckte und somit den Brechreiz erzwang. Nachdem ich das jahrelang gemacht hatte, war der Brech-Reflex immun gegen den Reitz der Zahnbürste. So passierte es, dass ich die Bürste zu tief in meinen Rachen steckte und es anstatt eine Brechreizes zu einem Schluckreflex kam: Schwupp weg war die Zahnbürste.“

Und was folgte dann? „Erst mal ein Schreck“, erzählt Anne, „dann die Beichte bei meiner Sozialpädagogin. Danach liefen bei ANAD umgehend die Hilfsmaßnahmen an. Die Ärzte hielten es anfangs für einen Scherz, aber gleich nachdem ich in Begleitung meiner Sozialpädagogin im Krankenhaus angekommen war, landete ich im CT. Hier war nur das Problem, dass mein Magen so voll war, dass keine Zahnbürste auf den Röntgenbildern zu sehen war. Deshalb wurde ich die ganze Nacht in der Klinik überwacht, am nächsten Morgen wurde ein weiteres CT gemacht. Die Zahnbürste war nun auf Grund der einsetzenden Verdauung zu erkennen und wurde umgehend endoskopisch entfernt.“

Und dann? Alles wieder beim Alten? „Na ja, ich bekam einen riesigen Anschiss von der Oberärztin aus dem Krankenhaus“, erzählt Anne. „Bei ANAD wurde die Geschichte natürlich therapeutisch aufgearbeitet.“ Hat sie mit der Aufarbeitung ihre Essstörung überwunden? Anne lacht, „Schön wäre es, aber daran muss ich gemeinsam mit meinen Bezugsbetreuern noch viel arbeiten und es wird wohl noch einige Zeit dauern bis ich auf einem guten Weg bin.“

Einmal eine Essstörung immer eine Essstörung?

Glaubt sie, dass es einen Weg aus der Essstörung gibt?  „Unbedingt“, kontert  Anne umgehend, „ohne diesen festen Glauben hätte ich nicht die Motivation, jeden Tag an meiner Erkrankung zu arbeiten und die immer wieder vorkommenden Rückschläge zu ertragen.“

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