24.05.2012

Uwe Knop

Uwe Knop
Uwe Knop

"Gefühltes" Übergewicht bleibt der Jugend schwerstes Sorgenkind.

Fiktive Phantomkilos als realer Risikofaktor für ernsthafte Essstörungen

Vor etwa vier Jahren hat das Robert Koch-Institut (RKI) nicht nur herausgefunden, dass drei Viertel der deutschen Jugend normalgewichtig sind - die KiGGS-Studie des RKI offenbarte auch eine bedenkliche Selbstwahrnehmungsstörung vieler Kinder und Jugendlicher: sie denken, sie seien zu dick - aber sie sind es nicht. Und dieses „gefühlte“ Übergewicht belastet die Lebensqualität stärker als die tatsächlich vorhandenen Kilos. Es kann gar so schwer auf die Psyche drücken, dass Essstörungen entstehen. Nun hat die WHO in der weltweit umfassendsten Studie zu Gesundheit und Wohlbefinden von jungen Menschen diesen Trend auf Rekordniveau bestätigt (1): Im internationalen Vergleich von 39 Ländern und Regionen schätzen sich deutsche Mädchen und Jungen am häufigsten als zu dick ein. Jedes zweite 15-jährige deutsche Mädchen und jeder dritte Junge in diesem Alter findet sich zu dick – selbst wenn sie objektiv gar nicht übergewichtig sind. 

Diese WHO-Daten machen die deutschen Jugendlichen zum „traurigen Spitzenreiter in Sachen Körperunzufriedenheit“, erklärt Professorin Dr. Petra Kolip von der Universität Bielefeld, die den deutschen Teil der WHO-Studie leitet. Doch das ist nicht nur traurig, sondern auch gesundheitsgefährdend, denn die Folgen der gewichtigen Selbstwahrnehmungsstörung sind gravierend: Zu viele Diäten, innere Unzufriedenheit, erhöhte seelische Belastung. Und dieser emotionale Magermix bietet einen gefährlichen Nährboden für die Entwicklung psychisch getriggerter Essstörungen. Das wird in den Medien zwar häufig zu Gunsten der (nicht existenten) „Generation dicker Kinder & infantiler Abspeckprogramme nach dem Zufallsprinzip“ vernachlässigt, aber die Folgen des „fiktiven Fetts“ sind bekannt: So hat vor Jahren bereits die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gewarnt: Das Gefühl, auch bei normalem oder geringem Körpergewicht zu dick zu sein, kann bei Jugendlichen einen Teufelskreis des Gewichtsverlustes auslösen, der schon nach kurzer Zeit aus eigener Kraft nicht mehr aufzuhalten ist. Und erst im Februar 2012 bekräftige Professor Stephan Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie DGPM: „Wenn Mädchen sich trotz normalen Gewichts als zu dick empfinden, sind sie anfälliger für Essstörungen.“ 

Ich sehe was, was Du nicht siehst … und das ist fett ! 

Die Erkenntnis der „Spitzenposition“ in punkto gefühltes Übergewicht scheint also nicht mehr nur Vermutung, sondern Realität. Genauso sind Diäten und Essstörungen als Folge dieser körperlichen Fehleinschätzung unstrittig - so ist nicht nur der Leiter von ANAD, Andreas Schnebel der Meinung, dass „Diäten der Einstieg in Essstörungen sind“, sondern auch andere Experten sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA, für die „Diäten eine entscheidende Rolle der Entstehung ernsthafter Essstörungen spielen können.“ Doch neben Erkenntnis (gefühltes Übergewicht) und Folgen (Essstörungen) fehlt ein gravierender Aspekt, um dieses „fiktive Phänomen Phantomkilos“ umfassend zu erklären: Woher kommt das gefühlte Übergewicht? Warum denken viele Kinder und Jugendliche, sie seien zu dick, obwohl sie es nicht sind? Wo liegen die Ursachen für diese Selbstwahrnehmungsstörung? Leiden etwa ein Drittel aller Mädchen unter Essstörungen, weil sie sich zu dick fühlen - oder sind Ursache-Wirkung umgekehrt, sprich: Erst entwickeln sich Essstörungen, die dann zu ein einer Fehlwahrnehmung „ich bin zu fett“ führen? Bei der Ursachenfindung besteht zwar aktuell noch kein Kausalitäten-Konsens, aber es  werden viele Vermutungen diskutiert.
So hat das RKI seinerzeit 2008 bereits vor der „Anti-Übergewichts-Propaganda“ gewarnt: Es ist „sorgsam zu überlegen, inwieweit die derzeit allgegenwärtigen Kampagnen gegen das Übergewicht den Anteil der Jugendlichen erhöht, der sich ohne Grund als zu dick erachtet. Dabei geht es um einen sehr großen Anteil normalgewichtiger Jungen und Mädchen, die sich für ‚zu dick‘ oder ‚viel zu dick‘ halten.“ 

Kampagnen & Körperkult: Diätenwahn & Magermanie 

Auch wenn diese noch immer „allgegenwärtigen Kampagnen“ zur Prävention von Übergewicht als potenzielle Ursache nicht abschließend belegt sind - das große Problem dieser Kinderkampagnen ist dagegen klar erkannt: Es existieren weder anerkannte und angewendete Qualitätsstandards noch Erfolgskontrollen. Stattdessen herrscht ein „Kampagnen-Eldorado“ nach dem Schema F: gemacht wird, was am meisten Fördergelder absahnt. Die langfristigen Auswirkungen dieser unüberschaubaren Anzahl infantiler Esserziehungsprogramme mit integrierter Übergewichtsparanoia auf die kindliche Psyche und den heranwachsenden Körper hingegen, die kennt niemand. Aufgrund der aktuellen WHO-Daten, die die RKI-KiGGS-Erkenntnisse nicht nur bestätigen, sondern gar bestärken wird es langsam Zeit, dass Politiker die „Kinderkampagneros“ an die kurze Leine legen: Es sollten nur noch Kampagnen staatlich gefördert werden, die sich an den neusten BZgA- Qualitätsstandard orientieren und Nachweise ihrer Wirksamkeit erbringen. Ansonsten kann es sein, dass sich „Vater Staat“ bald als „Mutter Essstörung“ entpuppt … 

Eine weitere, mögliche Ursache gestörter Selbstwahrnehmung sieht die DGPM in Castingshows wie „Germany´s Next Topmodel“. Einer neuen Studie zufolge würden derartige TV-Formate das Körperbild von Jugendlichen, insbesondere von Mädchen, beeinflussen. Demnach empfinden sich viele Mädchen und junge Frauen, die derartige Shows verfolgen, als zu dick. Auch für die Bielefelder WHO-Forscher sind die Medien mitverantwortlich, denn sie „verbreiten ein unerreichbares Schlankheitsideal für Mädchen und ein athletisches Körperideal für Jungen“. Es gibt sicher noch viele weitere, insbesondere sehr individuelle Gründe, warum sich Kinder & Jugendliche trotz Normalgewicht als zu dick empfinden. Nachdem Tatsache & Folgen nun intensiv erforscht und bestätigt sind, ist es also an der Zeit, das weitere Forschungsengagement gezielt einzusetzen, um unvoreingenommen nach den (wohlmöglich vielschichtigen) Ursachen zu fahnden … denn auf den Titel des „traurigen Spitzenreiters in Sachen Körperunzufriedenheit“ kann man nicht stolz sein, sondern es gilt zu handeln. Aber nur wer die Ursachen kennt, der kann die Folgen erfolgreich bekämpfen. In diesem Sinn und im Hinblick auf die Gesundheit der kommenden Generationen erwachsener Deutscher: Viel Erfolg bei der Erforschung der Quellen des „fiktiven Phänomens Phantomkilos“ wünscht

Uwe Knop
Diplom-Ökotrophologe, Autor von „HUNGER & LUST - Das erste Buch zur Kulinarischen Körperintelligenz“

(1) Universität Bielefeld: „Deutsche Jugendliche finden sich zu dick“, 15.Mai 2012

Kontakt zum Autor:
Uwe Knop
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Bei weiterem Interesse finden Sie nachfolgend eine themenaffine Lesprobe aus HUNGER & LUST: „Eldorado Kinder-Esserziehungsprogramme

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