
Informationen für Jugendliche
Sicherlich hast du schon mal aus Stress oder Frust mehr gegessen als sonst. Oder vor Ärger oder Kummer keinen Bissen runtergekriegt. Das ist völlig normal. Solange diese Phase wieder aufhört, und du andere Lösungen für deine Probleme suchst. Jeder Mensch isst auch mal mehr und mal weniger.
Was ist eine Essstörung
Wenn du allerdings eine Essstörung hast, kannst du nicht mehr unbeschwert essen, um deinen Hunger zu stillen. Dir geht es dann nicht mehr um „Hunger“ und „satt“. Du versucht, über Essen oder Nicht-Essen ein Problem zu lösen, eine innere Not zu überwinden, dich zu trösten, abzulenken oder einen inneren Hunger zu stillen. Gleichzeitig macht dir Essen Angst.
Von einer Essstörung spricht man, wenn dieses „Frustessen“ oder Hungern mindestens zweimal pro Woche vorkommt und über mindestens 3-6 Monate andauert. Deine Gedanken kreisen dabei immer stärker um Kalorientabellen, verbotene Lebensmittel, Gewicht und Figur. Essen passiert häufig heimlich oder Du denkst Dir Ausreden aus, damit Du nichts Essen musst. Ein gefährlicher Teufelskreis hat begonnen.
Wenn Du eine Essstörung hast, kannst Du Untergewicht oder Übergewicht haben. Aber auch sehr viele Menschen mit Essstörungen haben ein ganz normales Gewicht. Du kannst also auch schon ein großes Problem haben, auch wenn Dein Gewicht im Normalbereich liegt.
Wenn Du wissen willst, ob Du eine Essstörung hast mach unseren Selbsttest.
Risiken bei Essstörungen
Essen ist der Treibstoff, ohne den du nicht leben kannst. Aus dem Essen holt sich dein Körper Energie, aber auch wichtige Nährstoffe, die er braucht, um zu funktionieren. Bekommt er sie auf Dauer nicht, kann das sehr gefährliche Folgen haben:
- etwa 15% der Magersüchtigen sterben
- du entwickelst dich langsamer und im Extremfall bleibt deine Entwicklung (z.B. Körperwachstum) ganz stehen
- deine Periode bleibt aus
- deine Brüste und Hüfte wachsen nicht mehr
- du frierst leicht
- dir wird oft schwindelig
- deine Stimmung verändert sich, du wirst gereizter, trauriger, kraftloser
- das Leben mit einer Essstörung ist sehr anstrengend und du hast keine Kraft mehr für deine Freunde
- deine Haare am Kopf fallen aus
- an deinem Körper wachsen viele kleine Härchen
- deine Haut wird blass und fahl
- deine Muskeln bauen ab und auch der Herzmuskel wird schwächer
- deine Verdauung gerät durcheinander und du bekommst Durchfall oder Verstopfung
- deine Nieren leiden
- deine Knochen werden zerbrechlich
- du kannst dich nicht mehr konzentrieren
- du fühlst dich immer unwohler und unglücklicher
Zusätzliche Schäden bei Bulimie:
- deine Speiseröhre entzündet sich oder ist richtig aufgeätzt; du spukst Blut
- du bekommst Karies oder deine Zähne fallen aus
- dein ganzer Mundbereich und eventuell auch die Hände sind wund
- dein Magen ist übersäuert und du hast das Gefühl erbrechen zu müssen, auch wenn du gar nichts gegessen hast
- deine Speicheldrüsen schwellen an, du bekommst „Hamsterbacken“
- durch Essattacken kann im Extremfall die Magenwand durchbrechen und du musst ganz schnell ins Krankenhaus, da dies lebensgefährlich ist
Risiken bei Binge-Eating:
- Zuckerkrankheit
- Herz- und Kreislauferkrankungen
- Erkrankungen des Bewegungsapparates, der Gelenke
- Rückenschmerzen
- schlechte Kondition
Woher kommt eine Essstörung?
Es gibt selten nur eine Erklärung warum jemande eine Essstörung hat. Das Essen an sich ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern das eigene Essverhalten dient als Ventil für Sorgen, Ängste und Nöte.
Persönliche Gründe:
- dein Körper hat sich in der Pubertät sehr schnell verändert und neue Formen angenommen. Er kommt dir fremd vor, du hast das Gefühl, er gehört gar nicht zu dir und nichts scheint zusammenzupassen.
- deine Entwicklung geht dir viel zu langsam voran, du hast den Eindruck, alle anderen sind schon weiter -> kurz gesagt: dein Körper und deine Seele sind nicht auf dem gleichen Stand
- alles, das du bisher gelernt hast, scheint gar nicht zu stimmen - du suchst nach einer eigenen Meinung und nach neuen Regeln, auch beim Essen
- in der Pubertät bist du verunsichert und du suchst nach Vorbildern
- du hast das Gefühl, komplett die Kontrolle über dein Leben zu verlieren
Familiäre Gründe:
- in manchen Familien wird vieles „unter den Teppich gekehrt“, d.h. du hast gelernt alles zu schlucken, bis es dir buchstäblich wieder hoch kommt
- deine Familie tut sich schwer zu sehen, dass du erwachsen wirst und dich veränderst, sie reagiert plötzlich ganz anders auf dich und macht „dumme“ Bemerkungen über deine neuen Formen, an die du dich selbst noch nicht gewöhnt hast
- deine Eltern verbieten dir auf einmal Dinge, die dir wichtig sind, z.B. bei deiner Freundin oder deinem Freund zu übernachten, deine Lieblingsmusik zu hören, deine Haare zu schneiden, dich modisch zu kleiden oder zu schminken
- deine Eltern behandeln dich so, als wärst du erwachsen und merken gar nicht, dass du erst auf dem Weg dorthin bist
- du hast den Eindruck, dass alle in deiner Familie mit sich selbst beschäftigt sind und fühlst dich mit deinen Sorgen allein
- in deiner Familie passiert sehr viel: ihr zieht um, du musst die Schule wechseln, deine Freunde verlassen, deine Eltern streiten oder wollen sich scheiden lassen
- du hoffst, dass alles wieder gut wird, wenn sie merken, wie krank du bist
- du bist Gewalt ausgesetzt, erleidest sie an dir persönlich oder beobachtest sie
- deine Eltern oder Geschwister sind krank, z.B. depressiv oder abhängig von Drogen, Alkohol oder Medikamenten, du hast dann das Gefühl, stark sein zu müssen für alle anderen und willst gar nicht sagen, dass du auch Probleme hast
Gründe im Umfeld:
- deine Freunde und Mitschüler reagieren uncool oder hänseln dich sogar wegen deiner Figur oder deinem Aussehen (das liegt natürlich an ihren eigenen Unsicherheiten, aber es trifft dich an deiner empfindlichsten Stelle)
- du bist unglücklich verliebt
- in der Schule und auch sonst wird immer mehr von dir verlangt
- du hast das Gefühl, dass dir alles zu viel wird und hoffst, dass es jemand bemerkt und dir hilft, ohne dass du etwas sagen musst – z.B. weil du die Erfahrung gemacht hast, dass dir eh keiner zuhört
- du hast den Verdacht, dass alles viel leichter wäre, wenn du so schön, makellos oder stark wie die Models und Stars wärst
Was macht es so schwer aus der Essstörung auszusteigen?
Deine Essstörung hat für dich eine ganz individuelle Funktion – manche erleben sie als den einzigen Freund. Essen oder Nicht-Essen ist wie eine Sucht geworden. Und du kannst nicht einfach einen Entzug machen wie ein Alkoholiker, der nie mehr trinken soll.
Wenn du deine Essstörung aufgeben möchtest, musst du nicht nur lernen wieder normal zu essen, sondern du solltest vor allem die Probleme bearbeiten, die dahinter stecken. Und weil das oft ganz schön viele sind, macht es Sinn, dass du dir helfen lässt.
Was kannst du tun?
Du hast einen Grund für deine Essstörung und sie war eine Zeitlang wichtig für dich. Vielleicht hast du immer noch Angst davor, sie loszulassen, und kannst dir ein Leben ohne kaum vorstellen. Du bist nicht Schuld daran, dass es so gekommen ist. Aber du bist verantwortlich für dich selbst. Deshalb: hol dir Hilfe, wenn du nicht mehr weiter weißt.
Hinterfrage dich selbst, überlege, worauf es dir eigentlich ankommt, welche Sehnsucht hinter deinem Essverhalten steht. Rede mit einer Person, der du vertraust. Nicht nur über deine Essstörung, sondern über alles, was dich belastet. Informiere dich, wende dich an eine Beratungsstelle. Die Berater stehen unter Schweigepflicht. Niemand wird also davon erfahren, wenn du es nicht willst. Du kannst dich auch anonym beraten lassen.
Sich jemandem anzuvertrauen ist schwer. Vor allem, wenn es das erste Mal ist. Wähle die Möglichkeit, die für dich am besten geht: Du kannst dich einer Freundin oder einem Freund anvertrauen, einem Lehrer, jemandem aus deiner Familie. Es ist auch in Ordnung, wenn du erst mal mit jemand Neutralem reden möchtest und dich z.B. an eine Beratungsstelle wendest.
Was ist der erste Schritt?
Der erste Schritt aus der Essstörung ist der Schritt heraus aus der Heimlichkeit und der Verleugnung. Sprich also mit einem Menschen dem du vertraust. Wenn nicht gleich mit deinen Eltern sprechen willst, beginne bei einer Freundin oder einem Lehrer. Früher oder später macht es aber auch Sinn, dass deine Eltern Bescheid wissen, denn sie können dir helfen. Sicher hast du verschiedene Bedenken, z.B. ob dich die anderen verstehen werden, ob sie dich vielleicht auslachen oder enttäuscht und wütend sind oder überfordert. Man kann vorher nicht wissen, wie jemand reagieren wird. Aber vergiss nicht: es geht um dich, nicht darum, wie sich die anderen fühlen. Du bist für dich verantwortlich.
Versetze dich mal in ihre Lage: sicher bemerken sie seit einiger Zeit deine Veränderungen und wissen nicht, wie sie dich darauf ansprechen sollen. Sie machen sich Sorgen. Und sie wollen dir helfen. Die meisten werden erleichtert sein, wenn du ihnen erzählst, wie es dir geht – und wenn du dir von ihnen helfen lässt. Oder wie würde es dir gehen, wenn du siehst, dass jemand leidet, den du sehr gern hast, und derjenige sagt einfach nichts?
Um mit deiner Vertrauensperson ins Gespräch zu kommen, solltest du einen ruhigen Moment unter vier Augen suchen. Sprich von dir und von deinen Gefühlen, Sorgen und Ängsten. Sage deinem Gesprächspartner auch so konkret wie möglich was er für dich tun kann um dir zu helfen.
Du kannst dann alleine oder gemeinsam mit deiner Vertrauensperson Kontakt zu einer Beratungsstelle aufnehmen.
Wie kommt man raus?
Leider gibt es keine Zauberformel und kein Patentrezept, mit dem jeder garantiert aus der Essstörung raus kommt. Es geht um dich (oder deine Freundin/Schwester, deinen Freund/Bruder), um dein Leben und um deinen Weg. Deshalb macht es Sinn, dich professionell und individuell beraten zu lassen:

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