Essstörungen bei Männern
ESSSTÖRUNGEN BEI MÄNNERN
Wie kommt es, dass immer mehr Männer an Essstörungen leiden?
Schnebel: "Essstörungen bei Männern sind kein völlig neues Phänomen. Von Franz Kafka weiß man inzwischen beispielsweise, dass er magersüchtig war und schon immer gab es besonders dicke bzw. esssüchtige Männer. Neu jedoch ist, dass auch Männer zunehmend einem Schönheitsideal nacheifern und Werbung sowie Mode den schlanken, durchtrainierten Erfolgsmenschen propagieren. Mit Hilfe von Fitnessstudios und Diäten hoffen immer mehr Männer folglich, sich den ersehnten "Waschbrettbauch" zu erarbeiten. Auch die Schönheitsindustrie hat den lange brachliegenden Markt entdeckt und umwirbt ihre männlichen Kunden in Werbekampagnen für Designer-Jeans oder Rasierwasser mit Bildern von superschlanken Adonis-Körpern.
Aber warum gerade jetzt? Was sind weitere Ursachen bzw. Auslöser?
Schnebel: "Viele Männer sind für optische Leitfiguren in Werbung und Medien heute empfänglicher, da der moderne Mann ohnehin in einer "persönlichen Krise" steckt. Durch die Emanzipation der Frau ist auch die Rolle des Mannes nicht mehr eindeutig definiert. Gerade junge Männer sind in ihrem Selbstbewusstsein verunsichert und auf der Suche nach positiver Orientierung. Hinzu kommt natürlich der zunehmende Leistungsdruck in Beruf und Gesellschaft.
Auch die veränderten Lebensformen beeinflussen das Essverhalten. Vor allem in den Großstädten steigt die Zahl der Single-Haushalte, und gerade alleinlebende Männer neigen dazu, sich einseitig zu ernähren. Sie unterschlagen Mahlzeiten oder vergessen sie einfach. Auf diese Weise entfernen sie sich immer weiter von einem normalen Essverhalten."
Wie häufig treten Essstörungen bei Männern auf?
Schnebel: "Essstörungen werden immer noch als "typische Frauenkrankheit" gesehen. Neuere Untersuchungen zeichnen jedoch ein anderes Bild: In der Risikogruppe der Jugendlichen und jungen Männer zwischen 10 und 25 Jahren haben Störungen des Essverhaltens stark zugenommen. Jeder zehnte Essgestörte ist heute ein Mann."
Haben Männer Probleme, sich zu einer "Frauenkrankheit" zu bekennen?
Schnebel: "Ja, denn in vielen Männerköpfen hält sich das Vorurteil: Essstörungen haben nur Frauen oder - noch schlimmer - so etwas kann nur einem Homosexuellen passieren. Hinzu kommt, dass viele Ärzte die Diagnose "Essstörung" bei Männern weniger rasch in Erwägung ziehen als bei Frauen."
Äußern sich Essstörungen bei Männern ähnlich wie bei Frauen?
Schnebel: "Insgesamt ist das Essverhalten männlicher und weiblicher Betroffener vergleichbar, allerdings beginnt die Essstörung bei Männern meist etwas später, d.h. durchschnittlich mit etwa 22 Jahren. Männer greifen anscheinend seltener zu Appetitzüglern oder anderen Tabletten, dafür ist bei ihnen die Essstörung öfter mit einer Sucht gekoppelt, etwa mit Alkoholismus, Spielsucht, Arbeits- oder Computersucht. Bulimische Männer waren häufig in ihrer Kindheit oder als Jugendliche übergewichtig. Diäten und der tägliche Gang zur Waage sind ihnen von jeher vertraut. Wie bei den Frauen hat auch bei den Männern eine Diät oft die Funktion einer "Einstiegsdroge"."
Holen sich Männer mit Essstörungen Hilfe?
Schnebel: "Schon betroffenen Frauen fällt es schwer, sich mit ihrer Essstörung einem anderen Menschen anzuvertrauen; für Männer gilt dies noch viel mehr. Ganz allgemein liegt bei Männern die Hemmschwelle höher, wenn es darum geht, sich ein seelisches Problem selbst einzugestehen und (professionelle) Hilfe zu suchen. Für viele kommt das immer noch einem Eingeständnis von Schwäche gleich, das sie nicht mit ihrem Männlichkeitsideal vereinbaren können. "Ein Mann muss stark sein" - ein unbarmherziges Motto, mit dem Männer sich abverlangen, sich selbst und ihre Gefühle hundertprozentig im Griff zu haben."
An welche Organisationen oder Einrichtungen können sich männliche Betroffene wenden?
Schnebel: "Grundsätzlich sind alle Beratungsstellen, Therapeuten und Kliniken natürlich für Männer wie Frauen da. Es ist aber verständlich, dass männliche Betroffene sich oft nicht vorstellen können, in eine Therapiegruppe zu gehen, die ausschließlich aus Frauen besteht. In einigen Städten gibt es daher mittlerweile Gesprächsgruppen nur für Männer, in denen Betroffene sich untereinander austauschen können. Auch in mehreren Kliniken werden spezielle Männergruppen angeboten. Und wir bei ANAD haben eine eigene Männer Wohngruppe, in der sie intensiv betreut werden.
Und noch etwas: Wichtig ist, dass gerade männliche Betroffene sich eines klar machen: Eine Therapie ist keine Schande und auch kein Zeichen von Schwäche. Ganz im Gegenteil: Eine Therapie zu beginnen, ist ein mutiger Schritt, der zeigt, dass man(n) bereit ist, seinen Problemen ins Auge zu sehen und sie zu bewältigen."
Was kann der erste Schritt aus der Essstörung sein?
Schnebel: "Der erste Schritt ist der schwerste! Der Betroffene muss sich klar machen, dass es sich bei einer Essstörung um eine ernstzunehmende Erkrankung handelt und er Hilfe von außen braucht. Am besten, er vertraut sich einem Freund, einem Angehörigen, einer Beratungsstelle oder einem Arzt an (z.B. dem Hausarzt). Und wenn dieses erste Gespräch nicht den Erwartungen entsprechend verläuft, gilt die Devise: Nicht aufgeben, weiter kämpfen!"
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