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Erfahrungsberichte: Der Weg aus der Essstörung

 

 

 

ERFAHRUNGSBERICHTE:

DER WEG AUS DER ESSSTÖRUNG

 

 

 

Inge: Schritt für Schritt - Auf dem langen, schweren Weg aus der Bulimie

 

Vor zwei Monaten habe ich endlich zum ersten Mal das Gespräch mit einer Psychologin gesucht, doch da ich nun in eine andere Stadt gezogen bin, kann ich leider keine Therapie bei ihr machen. Ich habe mir jedoch fest vorgenommen, noch diesen Monat zu einer Beratungsstelle zu gehen und mir einen Therapieplatz zu suchen. Irgendwann würde ich gerne in eine Klinik gehen. Ich denke, dass ich durch intensive Arbeit in einer neuen Umgebung, ohne Einfluss des gewohnten Umfelds sehr viel erreichen könnte. Ich weiß, ich werde noch sehr lange brauchen, bis ich eventuell bereit bin, diesen Schritt zu gehen. Doch habe ich nicht schon soviel Zeit verloren? Zeit, Freunde, Liebe, Glück, Leben...?

 

Warum und wann ich das verstanden habe, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich es eigentlich schon immer gewusst und mir fehlte einfach die Kraft und der Mut, mich der Realität zu stellen. Möglicherweise verstehe ich es aber auch erst gerade jetzt wirklich, genau jetzt in diesem Augenblick, in dem ich hier sitze und meine Geschichte schreibe und nicht weiß, was stärker ist, die Trauer um alles, was ich aufgegeben, verloren und versäumt habe, oder der Wille zu begreifen und nachzuholen, der Wille zu kämpfen.

 

Ich bin noch lange nicht gesund, aber ich habe gelernt, meine Krankheit objektiver zu betrachten und zu verstehen. Jetzt werde ich sie besiegen. Mich erwartet noch ein sehr weiter und schwerer Weg. Ich kann nicht erklären woher und warum, doch bei allen Fortschritten und Rückschlägen, die meine Zukunft bestimmen werden, weiß ich eines ganz sicher: Dass ich es schaffen werde.



Daniela: Eine neue Stadt, ein neuer Anfang

 

Mein Weg aus der Magersucht

 

Der Wendepunkt war der Umzug nach München, als ich meine erste Stelle bekam. Dies war ein Neuanfang für mich. Ich hatte gemerkt, dass ich aus diesem Teufelskreis nicht mehr alleine heraus kam. Unter einem Vorwand fragte ich eine gute Freundin nach einem guten Hausarzt. Bei ihm machte ich dann einen Termin aus.

 

Ich erzählte ihm davon, dass ich bis zu 20 Abführtabletten am Tag nahm und auch kaum noch etwas aß. Ich bat ihn, mir zu helfen. Seitdem war ich jetzt jede Woche bei ihm. Jede Tablette weniger war ein Erfolg für mich. Aber ich hatte ein großes Problem damit zu akzeptieren, dass ich wieder an Gewicht zunahm. Oft hatte ich auch Angst, es nicht zu schaffen! Irgendwann schaffte ich es, mich einer Freundin anzuvertrauen und musste den Weg nicht mehr allein gehen.

 

Halt und Verständnis: Mein Freund als Wegbegleiter

 

Mit meinem neuen Freund habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Ohne ihn hätte ich es nie so schnell geschafft. Er baute mich die ganze Zeit über immer wieder auf und machte mir Mut. Durch ihn habe ich es auch wieder Schritt für Schritt gelernt zu essen. Er hat mich ganz fest im Arm gehalten, wenn ich einen „Fressanfall“ hatte und am liebsten den Kühlschrank geplündert hätte. Oft hat er mir in diesen Momenten Milchschaum geschlagen – was mir sehr gut geholfen hat. Die ganzen zwei Jahre hat er zu mir gehalten und ich bin ihm heute noch dankbar dafür.

 

Die Essstörung begraben: Ich brauche die Tabletten nicht mehr!

 

Dann war es soweit: Ich brauchte die Tabletten nicht mehr. Wir waren gerade im Urlaub auf Fuerteventura. Dieser besondere Moment sollte auch besonders festgehalten werden. In einem „feierlichen Ritual“ haben wir die letzten Tabletten im Sand begraben. Ich nahm mir von dieser Stelle einen schönen Stein mit, der mich immer an diesen schönen Moment – aber auch an die Zeit davor – erinnern sollte.



Kerstin: Beginn einer neuen Zeitrechnung

 

Mit 19, kurz vor meinem Abitur, ging ich dann in eine Suchtberatungsstelle, und suchte mir zwei Wochen später eine Therapeutin. Die ambulante Therapie war jedoch nicht ausreichend, und so vermittelte mir meine damalige Therapeutin einen Klinikplatz. Direkt nach dem Abitur ging es dann in die Klinik. Und hier fängt meine zweite Zeitrechnung an.

 

Nicht mehr alleine mit meinen Problemen: der Aufenthalt in der Klinik

 

Ein viertel Jahr habe ich dort gelebt, am Anfang noch zaghaft und unsicher, dann immer bewusster und genussvoller. Auf einmal war ich nicht mehr alleine mit meinen Problemen, mit meinen komischen Gedanken, die ich bis dahin ja selbst nicht verstand und für vollkommen irre hielt, mit den gewaltigen Gefühlen, die auf einmal aus mir hervorbrachen.

 

Langsam und mit viel Arbeit an mir, meinem Innenleben, meiner Krankheit entwickelte sich aus dem fressenden Monster, als das ich mich sah, eine junge Frau, die mitten im Leben steht. Auf einmal merkte ich, dass ich gar nicht so komisch bin, ja, dass die Krankheit sogar einen Sinn hat. Als Ausdruck meiner Gefühle und als Antwort auf Konflikte. Wenn auch auf eine ziemlich kranke Art und Weise.

 

Also machte ich mich daran, mit Hilfe von Therapeuten konkrete Konfliktstrategien zu entwickeln, aktuelle Probleme, die sich aus dem Zusammenleben in der Klinik-Gemeinschaft ergaben, gesund zu lösen. Meine innere Stimme wahrzunehmen und dieser auch zu folgen, mir zu trauen und mich anzunehmen. Mit offenen Augen sah ich auf einmal, dass nicht das Essen das eigentliche Problem ist, sondern etwas, das tiefer liegt.

 

Ich lernte auszudrücken, was ich zum Kotzen fand, was ich bis dahin in mich hineingefressen hatte. Und dass ich einfach da sein darf, dass ich einfach bin, dass ich einfach so o.k. bin. Ohne etwas dafür leisten zu müssen. Ohne ständig und immer und überall perfekt sein zu müssen. Und dass ich mir auch mal einen Fehler erlauben darf, ohne dass ich dann der Fehler bin. Ich durfte erfahren, wie schön es sein kann, Menschen ganz nah an mich ranzulassen, mich fallen zu lassen, zu vertrauen. Wie schön, tief und bereichernd Kontakt sein kann. Wie erfüllt Stunden, Minuten, Augenblicke sein können. Im Hier und Jetzt, mit mir und mit allem, was da ist. 

 

Fortschritte trotz Rückschritten: das Leben nach der Klinik

 

Nach der Klinik bin ich 300 km weit weg von Zuhause gezogen, um Abstand zu gewinnen von meinem alten Leben, um neu anzufangen. Ich habe eine WG gegründet mit zwei anderen Frauen, die ich in der Klinik kennen gelernt hatte. Jetzt galt es, das Gelernte umzusetzen, was gar nicht so einfach war. Nach Irrungen und Wirrungen wohne ich jetzt in einem Ein-Zimmer-Appartement, immer noch in derselben Stadt fernab der Heimat. 2 Jahre sind seit dem Klinikaufenthalt vergangen. Vieles hat sich verändert, manches ist geblieben. So ist auch heute das Essen immer noch ein großes Thema, das mal mehr, mal weniger in meinem Kopf herumspukt. Aber es sind auch viele andere Gedanken dazugekommen.

 

Ich habe angefangen zu studieren, was immer mein Traum war, ich mir aber niemals zugetraut habe. Ich habe Freunde gefunden, gehe aus, versuche, mein Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Ich habe auch immer wieder Rückfälle und Phasen, in denen mich viel Dunkel umgibt, aber es sind eben nur Phasen und nicht die Endstation, und selbst wenn mir dann alles noch so ausweglos erscheint, weiß ich doch irgendwo in mir, dass es wieder aufwärts gehen wird, dass ich mich über kurz oder lang wieder rausziehe aus dem Sumpf. Und das tue ich mit solch einem Lebenswillen, mit solch einer Kraft, dass ich manchmal ganz schön stolz auf mich bin, und darauf, wohin ich es geschafft habe, wo ich heute stehe.

 

Kleine Schritte zu mir – ich schaffe es!

 

Und es sind die kleinen Schritte, die mich immer näher zu mir bringen, zu dem, was ich will, und zu dem, was ich bin. Kleine Schritte, die so unbedeutend scheinen, mich aber doch so viel weiter bringen auf dem Weg zu mir: 
Es ist das Bahnfahren zur Uni, wenn ich einfach nur aus dem Fenster schaue und die Landschaft an mir vorbeiziehen sehe, und meine Gedanken wandern lasse. Und mir auf einmal bewusst wird, dass ich schon seit einer Stunde nicht mehr an Essen, Nichtessen, Figur, etc. gedacht habe.


Es ist die Verabredung mit einer Freundin, wenn ich mich im Gespräch wohl und entspannt fühle, und ich auf einmal merke, dass das genau das ist, was ich mir immer gewünscht habe. Dass mich der Kontakt berührt und erfüllt, und so viel besser schmeckt als die größte Sahnetorte. Dass auch Kontakt mich satt machen kann.


Und manchmal, da kann ich es gar nicht glauben. Wie viel Energie ich habe, wie toll ich bin und überhaupt. Wie ich meinen Weg gehe, und er mich immer mehr zu mir führt.


Ich werde es schaffen. Ich schaffe es!



Mona: Essen, um zu leben, nicht leben, um zu essen

 

Ich benötige Unterstützung, um endlich Sonnenstrahlen in mein dunkles Leben zu bringen... Ich möchte die Sterne leuchten sehen, den Wind spüren, das Leben leben, die Welt umsegeln, den Bergsee plätschern und die Vögel zwitschern hören, rennen, still stehen, genießen, lachen, weinen, auf den Berg klettern, essen, um zu leben, nicht leben, um zu essen... ich möchte endlich ich sein... mich kennen lernen.

 

Dieses Leben schenke ich mir selbst. Die Therapie in den ANAD Wohngruppen

 

Ich bin froh, in München bei ANAD sein zu können... Hier finde ich die Hilfe, die ich benötige... Hier finde ich mich. Wer bin ich? Ich lebe seit 30 Jahren und finde nun mein ICH.

 

Ich werde versuchen, die Brücken zu meiner Krankheit abzubauen. Ich werde versuchen, die Sucht verhungern zu lassen. Ein Leben ohne zu kotzen ohlala... Habe nun die Krankheit seit so vielen Jahren. Aber ich habe es überlebt, kann kämpfen, und ich werde nichts unversucht lassen.

 

Ich weiß, dass ich nicht alleine sein werde, ich weiß, dass ich Unterstützung benötige und auch bekomme. Ich weiß, dass ich endlich die Chance nützen will, endlich leben.

 

Und ich bin nicht mehr bereit, mein Leben zum Kotzen zu finden. Ich darf Leben. Ich werde leben. Nicht für die anderen, nicht für die Welt, nicht für meine Eltern, Freunde und Bekannte... Dieses Leben schenke ich mir selbst... Denn ich bin mir selbst am Nächsten...



Anja: Ich bin gerne auf dieser Welt

 

Der Aufenthalt hier in den ANAD therapeutischen Wohngruppen ist wichtig für mich, da ich hier genau den Situationen in der Arbeit und im Umgang mit anderen ausgesetzt bin, die meine Krankheit verursacht haben. In der Therapie kann ich lernen, diesen anders zu begegnen. Unterstützung und Rückhalt erfahre ich auch im Zusammenleben mit den WG-Bewohnerinnen.

 

Ich habe erkannt, dass ich meine Probleme langfristig nicht durch Hungern lösen kann. Hätte mir vor einigen Monaten jemand gesagt, dass ich mal in München sitze und gerne auf dieser Welt bin, ich hätte es nicht geglaubt.

Zu den Seiten:

Der Anfang der Erkrankung   Gedichte  

 

 

 

 

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