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Erfahrungsberichte: Die Zeit während der Essstörung

 

 

 

ERFAHRUNGSBERICHTE

 AUS DER ZEIT

WÄHREND DER ERKRANKUNG

 

 

 

Kerstin: Dünn sein ist geliebt sein!? Mein Weg in die Bulimie

 

Mit 17 habe ich zum ersten Mal meinen Körper wahrgenommen, und was ich da gesehen habe, hat mir gar nicht so recht gefallen wollen. Ich wollte nicht so sein, wie ich war, nicht ich sein, nicht da sein. Schielte neidisch nach all den schlanken Mädchen, die lachend durchs Leben wanderten, scheinbar glücklich und sorglos und von allen geliebt. „Ha! Das ist sie also, die Lösung all meiner Probleme“, so dachte ich zumindest, „wenn ich erst mal dünn bin, dann bin ich auch glücklich, dann ist alles besser, dann bin ich gut, umgänglich, geliebt.“

 

Auf einmal hatte ich ein Ziel vor Augen, nämlich die Kilo-Anzeige auf der Waage, und dieses Ziel sah ich so klar und deutlich, dass alles andere immer mehr dahinter verschwamm. Alle Probleme und Konflikte „löste“ ich mit dem Gedanken an meine baldige Schönheit. „Wenn ich erst mal dünn bin, dann ist alles besser...“ (welch ein Trugschluss!). Und bald hatte ich scheinbar keine Probleme mehr, außer dem, schlank zu werden, und das um jeden Preis.

 

Bald schon reichte meine Disziplin nicht mehr, ich wurde „schwach“, aß mehr, als ich mir zugestand, zu viel von den „verbotenen“ Nahrungsmitteln. Ich hatte gegen meinen strengen Diätplan verstoßen, fühlte mich schwach und schuldig, als ein durch und durch schlechter Mensch eben. Und auch dafür hatte ich eine „Lösung“: Erbrechen. Anfangs noch nach Stundenplan (aus einmal die Woche wurden zwei-, drei-, viermal), konnte ich diesen bald nicht mehr einhalten. Immer und überall hatte ich auf einmal Hunger. Hunger. Hunger. Hunger. Immer auf der Suche. Nach Essen. Und eigentlich doch nach etwas ganz anderem. Aus einem Gedanken wurde eine Sucht, die ich bis heute mit viel Kraft bekämpfe. 


 

Inge: Ein ganz normales Mädchen: aus der Phantasiewelt in die Bulimie

 

Ihr wollt wissen, wie alles angefangen hat? Das wollen alle. Die meisten erwarten ein traumatisches Kindheitserlebnis, das eine Essstörung logisch erklärt und einfach schnell verarbeitet werden muss, damit alles wieder gut wird. Bei mir gibt es so etwas nicht. Ich war ein ganz normales Kind: Ich habe Pippi Langstrumpf gelesen, bin in die Ballettschule gegangen und habe die Sendung mit der Maus geguckt. Ich war wie die anderen – und doch irgendwie anders. Wenn ich heute darüber nachdenke, habe ich mein ganzes Leben damit verbracht, die Realität zu verdrängen. Als ich zu alt war, um mich in meine sorgfältig bis ins kleinste Detail gestalteten Phantasiewelten zu flüchten, stürzte ich mich in die Bulimie. Ich glaube, ich war 15. Vielleicht auch schon 16 oder erst 14.

 

Aber wie soll ich erklären, wo dieser Selbsthass, dieser Wille zur Selbstaufgabe und Selbstzerstörung hergekommen ist? Wie soll ich erklären, was es war, dass mich dazu getrieben hat, entweder völlig unkontrolliert zu essen, um mich danach wieder zu übergeben oder überhaupt nichts zu mir zu nehmen außer vielleicht einem Schluck Wasser, um mich danach erneut zu erbrechen? Mich, ein ganz normales Mädchen?

 

Wie soll ich etwas erklären, das ich selbst (noch) nicht verstehe? Ich weiß nur, dass ich plötzlich gefangen war in meinem Rausch aus Triumph, Macht und Kontrolle und der Überzeugung: „Alles wir irgendwie gut.“ Wenn ich nur endlich dünn bin. Wenn ich nur endlich schön bin, wenn ich nur endlich geliebt werde. Ich war dünn, ich war schön, und ich wurde geliebt. Doch ich war unfähig zu erkennen, dass die Liebe, die mir fehlte, um genau das zu begreifen, ganz allein meine eigene war.

 


 

Daniela: Tabletten und Gewichtskontrolle: Der Weg in die Magersucht

 

Ich war von zuhause ausgezogen und hatte vor einem halben Jahr meine Ausbildung  begonnen. Da habe ich wahrscheinlich etwas über die Stränge geschlagen und einige Kilos zugenommen. Also begann ich mit einer ganz normalen Diät – weniger essen und Sport –, um wieder mein altes Gewicht  zu erreichen. Anfangs hatte ich auch Erfolg damit, aber es ging mir eben nicht schnell genug. Also entschied ich mich, mir in der Apotheke Abführmittel zu kaufen. Als angehende Krankenschwester kannte ich mich ja  aus – dachte ich jedenfalls. So begann der Teufelskreis.

 

Ich nahm immer mehr von den Tabletten und merkte gar nicht, in was ich hineingeraten war. Ich hatte nur mein Ziel vor Augen und fühlte mich durch den Erfolg bestätigt. Irgendwann konnte ich nicht mehr damit aufhören, denn es war ein gute Gefühl, die Kontrolle über mich zu haben. Alles in meinem Leben drehte sich um die Einnahme der Tabletten und die Gewichtskontrolle. Ich war wütend auf mich, wenn ich nicht weiter abgenommen oder sogar zugenommen hatte. An diesen Tagen gab es nichts zu essen und ich „ernährte“ mich von Tee und Mineralwasser. Zeigte die Waage dagegen weniger an als am Vortag, belohnte ich mich mit einer Kleinigkeit wie z.B. einem fettarmen Joghurt. Auch merkte ich nicht, dass es mir gesundheitlich immer schlechter ging.

 


 

Kerstin: Bodenlos, haltlos, leer: Ekel, Erschöpfung und Einsamkeit

 

Ich isolierte mich mehr und mehr von meinen Freunden, meiner Familie. Versuchte alles und alle von mir fern zu halten, am meisten jedoch mich selbst. Wendete mich ab von mir, versuchte, mich so weit wie nur irgendwie möglich von mir und allem um mich herum zu entfernen. Und eigentlich sehnte ich mich so sehr nach Liebe und Angenommensein. Doch dafür hielt ich mich für zu wertlos. Ich kam mir so unglaublich widerlich und Ekel erregend vor, ich schämte mich zutiefst für mein „abartiges“ Verhalten und hatte panische Angst, dass jemand etwas davon erfahren könnte. Innerlich sank ich immer weiter in ein riesiges schwarzes Loch; so tief, so bodenlos, so haltlos, so leer. Ich fühlte mich wie eine Hülle, die gerade noch so funktioniert. Kurz vor der Verschrottung, als wäre alles Leben aus mir gewichen.

 

Ich sah die Tage vorbeiziehen, ohne dass ich sie erlebt hätte, sah mir und meinem Leben als teilnahmsloser Beobachter zu, stand außerhalb, irgendwo, nirgendwo. Und immer weniger stimmte mein Innenleben mit dem überein, was ich nach außen hin darstellte. Da war ich immer die Starke, die Unnahbare, die, der es immer gut geht, die alles schafft, über allem und jedem steht. Und ich hasste mich dafür. Für die Show, für alles, was ich war, und auch für das, was ich niemals sein würde.

 

Mein Leben bestand schließlich nur noch aus Fressen, Kotzen, Schuldgefühlen, und das Ganze immer wieder von vorne. Ständig unter Druck. Fressdruck. Kotzdruck. Andere Gefühle hatte ich zu dem Zeitpunkt verlernt. Es war immer da, Pausen gab es nicht und Entspannung schon gar nicht. Höchstens Erschöpfung, wenn ich zwischen zwei Fressanfällen wieder einmal im Dämmerzustand im Bett lag und mich vor lauter Kraftlosigkeit nicht mal mehr zum Kühlschrank bewegen konnte. Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen war: „Essen“, und der hielt sich den ganzen Tag, bei allem, was ich tat, wo immer ich auch war. Und mit dem Gedanken an Essen schlief ich schließlich dann auch ein. Ich wusste, dass es nicht mehr lange so weiter geht, dass ich mich langsam aber sicher hinrichte und selbst zerstöre. Und dass ich etwas anderes vom Leben erwarte.

 



Inge: Bloß nicht erkannt werden: Verzweiflung, Angst, Kraftlosigkeit

 

Lieben kann ich immer noch nicht. Aber ich weiß, dass nichts einfach gut wird, und ich kenne weder Triumph noch Kontrolle. Ich kenne nur noch Verzweiflung, Angst, Kraftlosigkeit, Lähmung, eine alles zum Stillstand bringende Lähmung. Jede kleine tagtägliche Aufgabe erscheint mir immer wieder aufs Neue unlösbar. Wie oft habe ich mit meiner Mutter gestritten, weil ich an manchen Tagen nicht einmal dazu fähig bin, den Müll rauszubringen oder einen einfachen Anruf zu erledigen? Ich kann es einfach nicht. Irgendetwas hält mich fest, irgendetwas lässt es nicht zu, verhindert mit Gewalt, dass ich lebe. Wie oft habe ich meine Mitmenschen verletzt, meine Angst und Verzweiflung sarkastisch überspielt, um sie nur zum Schweigen zu bringen, um endlich alleine zu sein, um bloß nicht erkannt zu werden.

 

Im Streit finde ich all die Kraft, die aufzubringen mir sonst unmöglich ist, und sie schlägt um in blinde Wut und Aggressivität, und ich verletze die Menschen, die ich liebe. Sie wissen nicht, dass mir mein Verhalten selbst am meisten weh tut. Sie haben das lebensfrohe, energische, verträumte Mädchen, das ich wohl einmal gewesen sein muss, genauso verloren und wahrscheinlich auch vergessen wie ich.

 



Mona: Ich bin verrückt… Trauer, Enttäuschung und Selbsthass

 

Ich bin mit mir unzufrieden. Fühle mich an einem Tag gut, halte mich am nächsten Tag wegen eines „blöden Fehlers“ für dumm. Ich bin traurig, zornig, enttäuscht. Der Zorn richtet sich oft gegen Menschen, die mir nahe stehen, Freunde, Eltern, Bekannte, oder gegen mich,  indem ich fresse und kotze.

 

Ich möchte so vieles, und gleichzeitig veranlasse ich das Gegenteil. Das einzige Gefühl, das ich oft zulasse, ist dieser Hass auf mich selbst. Dann werde ich unausstehlich, ungerecht und verletze andere mit meinen Worten und Taten. Ich kann es schwer ertragen, sollten andere Menschen nett zu mir sein. Warum sind sie nett? Wo ich doch selbst denke: Mona, du bist zum Kotzen... ein Kotzbrocken, ein Brechmittel.

 

Ich werde verfolgt. Von was? Von wem? Ich bin anders als die anderen... ich bin verrückt... nein, nicht ballaballa, sondern ich habe mich wie ein Stuhl verrückt auf einen anderen Platz... nicht da wo die anderen, die normalen Menschen stehen... sondern daneben...



 
Mona: Gedankensplitter

 

Mein Körper und ich im Kriegszustand

 

Krieg... überall auf der Erde Krieg... manchmal denke ich, Kriege sind weit weg... aber ist es wirklich so? Ich befinde mich auch im Ausnahmezustand... seit so vielen Jahren... Mein Körper und ich bekriegen uns... können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander... Krieg in meinem Körper: Engel und Teufel im ewigen Kampf... Engel mit Lebenshunger Teufel mit Sehnsucht nach noch weniger... Ich möchte endlich Frieden haben... So leicht kam es mir vor – der Weg in meine Essstörung –, so schwer ist es wieder heraus zu kommen... Ohne Kompass und Hilfsmittel kaum vorstellbar...

 

Ich habe mich gefüllt, und es mir wieder weggenommen…

 

Manchmal war ich zufrieden mit dem beschissenen Leben... es war zum Kotzen... es war alles zum Kotzen... aber ich war eben auch lange Zeit zufrieden... Warum? Ich verschwand und verdünnisierte mich tagtäglich.  

Immer wieder... mit jedem Fressanfall... ich habe mich gefüllt, und es mir wieder weggenommen. Ich habe mir etwas geschenkt, und es wieder von mir gegeben. Ich habe gedacht, die Lösung meines Problems kommt von allein... Lösung? Fast hätte ich mich „aufgelöst“ ins Nichts... Ich würde heute noch warten... und hätte fast versäumt, mich selbst zu retten.



Lydia:  Wie ein wildes, ausgehungertes Tier

 

Ich stehe vor dem Kühlschrank und sehe den Gemüseeintopf. Ich bin unter Hypnose, nicht mehr ich selbst. Es duftet nach würzigem Sellerie, süßen Möhren und rohen Zwiebeln.

 

Alles in mir schreit. Ein wildes ausgehungertes Tier wohnt in der Körperhülle. Es reißt an den Fesseln, wirft sich nach allen Seiten, bis es sich über die Beute hermacht. Es schlingt das Essen in sich hinein.

 

Mit einem Mal erwache ich, sehe, was ich angerichtet habe. Streiche mit den Händen über meinen Bauch, fühle, wie sich der Magen unter meinen Fingern aufbläht. Schon breitet sich in mir eine düstere Reue aus, mit gewaltiger Kraft.

 

Jammernd und klagend laufe ich ins Bad. Begegne den Augen eines Verräters im Spiegel – was hast du nur getan? Meine heisere Stimme gleicht der eines Tieres, das in einer Schlinge gefangen ist und langsam sterben muss. Ich bin vergiftet!

 

Ich presse meine Hände fest gegen den Magen, um ihn zu bestrafen, beuge mich über die Kloschüssel und erbreche. Der Kampf gegen das Gift in mir ist hart, der Schweiß rinnt mir in Bächen am Körper herunter. Da – etwas wälzt sich unter meiner Brust und will nach oben, ich krümme mich, stütze die Stirn gegen den Klodeckel und umklammere die Schüssel. Ich stöhne vor Ekel und Abscheu.

 

Danach grüße ich mein Spiegelbild. Meine Augen sind von Tränen überschwemmt, klar und blank, die Wangen rot. Ich sehe richtig schön aus. Nur die Haare sind scheußlich, schweißnass und verworren.

 

„Bravo! Du hast es geschafft!“, lobe ich mich. „So einfach ist das!“

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