Christian, 22 Jahre
CHRISTIAN, DESSEN LEBEN DURCH
DIE THERAPIE BEI ANAD EINE NEUE
RICHTUNG GENOMMEN HAT
Glück
Ich bin wieder gerne unter Menschen und habe mich sogar verliebt. Durch die intensive Psychotherapie bei ANAD bin ich selbstbewusster geworden und konnte dank der Sozialpädagogen einen Lebensplan finden, der ich glücklich macht. Weiter .
Christian, 22, hatte Magersucht.
Dieses Gespräch ist vor zwei Jahren mit Christian geführt worden, als er noch bei ANAD lebte.
Christian, Sie sind nun schon seit ein paar Monaten in der Wohngruppe von ANAD e.V., in der nur essgestörte Männer leben, was einzigartig in Deutschland ist. Wie gefällt es Ihnen?
Richtig gut! Ich mache gerade ein Praktikum in einem Kindergarten und das bringt mir viel. Ich habe ja eigentlich Chemielaborant gelernt und auch erfolgreich in diesem Beruf gearbeitet – bis meine Essstörung das vor einem Jahr nicht mehr zuließ. Durch die Psychotherapie habe ich aber gemerkt, dass ich mich beruflich verändern möchte und nutze jetzt die Zeit hier in München bei ANAD, um in verschiedenen Bereichen ein Praktikum zu machen.
Und wie läuft es in Ihrer Wohngemeinschaft?
Das Leben zusammen mit anderen Betroffenen ist zwar nicht ohne Konflikte, so wie halt immer, wenn man sich eine Küche, ein Bad und ein Wohnzimmer teilt, aber es hilft mir. Es ist gut für mich, wenn ich sehe, anderen geht es auch wie mir, und ich bin nicht alleine mit meiner Krankheit. Als Mann und magersüchtig, da kommt man sich schon ganz schön einsam vor.
Fangen wir mal von vorne an: Sie sind also magersüchtig. Wie kam es dazu?
Ja, schwierig .also, ich war ein dickes Kind, mit 16 Jahren habe ich 104 Kilo gewogen! Und dann in der Pubertät, da wollte ich dünner sein, normal halt. Man wird gehänselt und sieht die schlanken, durchtrainierten Männer im Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakatwänden – na ja, also machte ich meine erste Diät. Ich nahm schnell ab, 20 Kilo in zwei Monaten, das ging ganz schnell.
Haben sie auch Medikamente, Abführmittel oder so etwas eingenommen?
Nein, einfach nur weniger gegessen, nicht so eine „Brigitte Diät. Bis ich 21 Jahre war, habe ich 86 Kilo gewogen, bei einer Körpergröße von 1,82 Meter. Im April 2005 hat dann bei uns daheim ein Box-Club aufgemacht, ich fing also mit Boxen an, aß weiter normal, nahm aber ab. Zu dieser Zeit beendete ich meine Lehre, Zuhause gab es Probleme mit meinem Vater, und ich zog daheim aus. Und hier fing es mit meiner Magersucht an: Diät, immer mehr Boxen und Kickboxen, Joggen, Fahrrad fahren und Fitness Studio – jeden Tag, wie ein Besessener. Zum Schluss hab ich nur noch Salat gegessen. Hab 20 Kilo abgenommen, war auf 67 Kilo – da war es zu Ende mit dem Sport, ich konnte nicht mehr boxen, joggen, Rad fahren – keine Kraft mehr
Und wie ging es Ihnen dann?
Da war ich zufrieden mit meinem Körper. Aber im Kopf war ich wie besessen: Ich habe nur noch ans Essen gedacht, was ich nicht essen darf und habe permanent Kalorien gezählt. Also, gut ging es mir da nicht. Und ich habe weiterhin abgenommen.
Es kam dann im Sommer die bulimische Phase: da bin ich all inclusive nach Tunesien geflogen. Dort habe ich Ess-Brech-Anfälle gehabt, die ganzen Buffets leer geräumt. Zurück daheim dann nur noch Magerquark und Obst, im Herbst dann Fressanfälle ohne Erbrechen, Binge-Eating – zwei Tage lang nur gegessen, während dessen habe ich gearbeitet und alles. Danach habe ich zwei Wochen nichts zu mir genommen außer Cola light und Koffeintabletten. Zuhause gab es zwischen meinen Eltern Probleme, große Probleme, und ich habe mich um alles gekümmert. Und habe wieder Ess-Brech Anfälle gehabt, habe dann wieder gehungert, Sport gemacht – alles halt. Am Ende wog ich nur noch 56 Kilo und musste im Januar 2006 aufhören zu arbeiten, kam in eine Klink.
Eine Fachklinik für essgestörte Menschen?
Nein, in eine psychosomatische Klinik, die aber keine Abteilung für Essstörungen hatte. Dort habe ich noch einmal drei Kilo abgenommen und wurde daraufhin entlassen, weil ich den „Gewichtsvertrag nicht eingehalten hatte. Aber ich habe gar nicht kapiert, was das überhaupt sollte. Daheim bin ich wieder in das anorektische Verhalten - Essen abwiegen, Kalorien zählen, Fitness-Studio, mich selbst permanent wiegen etc - hineingefallen. Im Juni bin ich dann in die nächste Klinik, mit 49 Kilo, leider wieder keine Spezialklinik. Die hatten keine Ahnung, wie sie mit mir umgehen sollten. Durch die anderen Patienten habe ich dort aber trotzdem gelernt, wieder normale Lebensmittel zu essen. In eine Spezialklinik, wo ich gerne hinwollte, kam ich leider nicht sofort, da die zu lange Wartezeiten hatten. Als ich von ANAD und der Männer-Wohngruppe erfuhr, habe ich mich sofort gekümmert, da einen Platz zu bekommen.
Haben Sie Ihr Essverhalten jetzt im Griff?
Mein Essverhalten hatte ich nach dem Klinkaufenthalt schon ganz gut im Griff, ich nehme weiterhin stetig zu. Aber das Wichtigste: Ich denke nicht mehr permanent ans Essen, an Kalorien – ich lebe wieder fast ganz normal – das ist eine solche Befreiung. Ich habe einen Leberschaden wegen der fettarmen Nahrung und beginnende Osteoporose, so schlimm habe ich das betrieben.
Nun leben Sie schon über drei Monate in der Männer Wohngruppe. Wie sieht ein Tag bei ANAD für Sie aus?
Am Anfang gab es zusammen mit den anderen Bewohnern und einer Therapeutin von ANAD gemeinsames Frühstück, Mittagessen und Abendbrot - das ist wichtig, weil wir lernen müssen, wieder regelmäßig zu essen. Und auch wieder ein Gefühl dafür bekommen müssen, was z. B. ein normales Frühstück ist, also, welche Portionsgrößen richtig sind: Eine Scheibe Brot oder zwei , welche Lebensmittel gesund sind um solche Fragen geht es da.
Dann mache ich zurzeit, wie gesagt, ein Praktikum in einem Kindergarten. Da hat mir meine Sozialpädagogin hier geholfen, das zu finden, die Bewerbungsmappe zu erstellen etc.
Am Nachmittag habe ich dann zweimal in der Woche einen Einzeltermin mit meiner Psychologin, einmal in der Woche eine Gruppen-Psychotherapie. Da kann ich über alles reden, was früher war, was gerade passiert ist, wo ich Probleme habe – einfach alles. Ja, dann muss ich wie jeder andere auch, einkaufen gehen, kochen, Wäsche waschen, mein Zimmer aufräumen, die Gemeinschaftsräume putzen
Gibt es keine Putzfrau?
Nein, wir sind selbst für die Sauberkeit und Ordnung zuständig. Wir sollen das schließlich lernen, lernen selbständig zu leben. Das habe ich nicht gekonnt: Als ich alleine lebte, da habe ich es z.B. nicht geschafft Ordnung zu halten, regelmäßig zu essen
Was gibt es noch im Tagesablauf?
Ich habe noch regelmäßig Termine mit meiner Sozialpädagogin und meiner Ernährungstherapeutin. Abends gehe ich weg oder schaue fern, wie ich mag.
Wie wird denn Ihr Essverhalten kontrolliert?
Jeder Patient führt vor allem am Anfang Ess-Protokolle: Da müssen wir jeden Tag alles aufschreiben, was wir essen und trinken und wie viel – damit wir ein normales Essverhalten wieder lernen. Darüber reden wir regelmäßig mit unserer Ernährungstherapeutin, im Einzelgespräch und in der Gruppe: Was für Probleme habe ich, wie geht es mir damit ? Ansonsten gibt es für mich derzeit wöchentlich ein Wiegen mit der Ernährungstherapeutin. Mehrmals in der Woche gibt es mittags ein gemeinsames Kochen und Essen, zusammen mit anderen Patienten, einer Sozialpädagogin und einer Ernährungstherapeutin. Da kochen wir gemeinsam, essen zusammen und tauschen uns aus. Auch hier geht es darum, kochen und vor allem wieder essen zu lernen: Was ist eine normale Portion? Ein Semmelknödel oder zwei? Und das macht einfach Spaß mit anderen zu essen. Und was ganz wichtig ist: Hier werden die so genannten „verbotenen Lebensmittel integriert.
Was sind verbotene Lebensmittel?
Das sind all die Lebensmittel, die sich magersüchtige und bulimische Menschen so gerne verbieten: Alles was viele Kalorien hat, oder viel Fett: z.B. Butter, Sahne, Süßkram wie Schokolade
Sind dann dort nur Männer?
Nein, das ist offen für jeden. Auch die Wochenend-Freizeitangebote, z.B. Therapeutisches Klettern, Selbstverteidigung oder Ausflüge aufs Land, Kinobesuche – alles ist für alle Patienten offen. Da entstehen auch viele Freundschaften, manche Frauen lernen sich hier kennen und ziehen danach gemeinsam in eine Wohnung, das gab es schon häufiger.
Wie sieht es mit dem Ausgang aus?
Ausgang ist gut! Ich bin ja nicht in einer Klink, ich bin schon frei zu wählen, was ich mache. Ich bin 21 Jahre alt, da darf ich bis 1 Uhr nachts weg sein und am Wochenende bis 3 Uhr. Besuch darf ich auch täglich haben und zweimal im Monat nach Hause fahren, wenn ich will. Bei den Jüngeren gilt das Jugendschutzgesetz.
Und wer schaut, ob sie auch tatsächlich daheim sind?
Es gibt einen Nachtdienst, die schauen schon, ob man nachts da ist. Die sind auch für Probleme da, wenn man abends oder nachts einen Frust bekommt, dann kann man immer mit denen reden.
Christian: Nun ein Fazit?
Es ist wichtig, dass ich den Abstand von daheim habe und aus den dortigen Strukturen heraus bin. Außerdem brauche ich die Hilfe, die Begleitung und merke, wie ich lerne, die Wurzeln meiner Krankheit zu sehen – das hilft mir. Und weil es mir hier so gut geht, möchte ich, dass alle betroffenen Männer von ANAD erfahren, damit sie hier Hilfe finden und nicht völlig isoliert leben und nicht wissen, wohin mit ihrer Krankheit.
Was planen Sie für Ihr Leben nach ANAD?
Ich werde im September auf die Berufsoberschule gehen und mein Abitur nachholen. Und danach wahrscheinlich studieren, auch bei dieser Entscheidung standen mir die Therapeuten von ANAD zur Seite.
Christian, ich bedanke mich für das in aller Offenheit geführte Gespräch.
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