Essstörungen bei Kindern
ESSSTÖRUNGEN BEI KINDERN
Was bedeutet Essen für Kinder?
Für Kinder ist Essen in noch viel höherem Maße als für Erwachsene mit Gefühlen verbunden. Gestillt zu werden, ist für den Säugling die allererste Form der Kommunikation mit seiner Mutter. Kleinkinder erleben, wie ihr Wohlbefinden von Essen oder Nichtessen beeinflusst wird. Später teilen die Mahlzeiten in der Familie den Tagesablauf des Kindes ein. Kurz gesagt: Essen ist viel mehr als reine Nahrungsaufnahme. Für Kinder ist es daher in schwierigen Situationen noch naheliegender als für Erwachsene, über das Essen zu reagieren. Kinder verweigern das Essen in stummem Protest, zum Beispiel, weil sie sich von ihrer Umwelt überfordert fühlen. Sie beruhigen sich mit Essen, wenn sie Ängste haben und trösten sich mit Süßigkeiten über Enttäuschungen und Verluste hinweg. Oft wird dieses Verhalten von den Eltern sogar noch gefördert, weil sie wissen, dass das Kind sofort ruhig wird, wenn es Süßigkeiten bekommt.
Wie erkenne ich, dass mein Kind zu einer Essstörung tendiert?
Die meisten Kinder gehen irgendwann durch eine Phase, in der sie "schwierig" sind, was das Essen angeht. Sie mäkeln herum, wollen nicht essen, verweigern bestimmte Nahrung, zum Beispiel Gemüse. Das sind keine Essstörungen, sondern ganz normale Entwicklungsstufen. Je gelassener die Eltern darauf reagieren, je weniger Bedeutung sie diesen kleinen "Macken" beimessen, desto schneller werden sie vergessen sein. Erst wenn esssüchtiges Verhalten oder Verweigerung von Nahrung zur dauerhaften Angewohnheit wird, sollte das als Alarmzeichen gewertet werden.
Ängstlichkeit in Bezug auf das Essen sollten Eltern also vermeiden?
Ja, denn auch wenn das Kind schon älter ist, können Mütter und Väter, die
besonders fürsorglich sind und immer ängstlich darauf bedacht, dass ihr Kind
auch genug isst, mit diesem Verhalten Schaden anrichten, weil die Kinder kein gesundes Verhältnis zu Essen und Ernährung aufbauen können. Auch Kinder, die oft mit Süßigkeiten "ruhiggestellt" werden, können ein problematisches Verhältnis zum Essen entwickeln: Es wird für sie zum Liebesersatz und sie lernen, sich durch Essen zu trösten, wenn es ihnen schlecht geht.
Was steckt hinter Essstörungen bei Kindern?
Essstörungen bei Kindern stehen in Zusammenhang mit der Familie und der
sozialen Umwelt des Kindes. Eine Essstörung ist ein Signal, mit dem ein Kind
etwas mitteilen will, das es anders nicht ausdrücken kann. Die Zunahme von
Essstörungen schon in der Kindheit ist außerdem ein Zeichen der Zeit. In der
Schule, im Kindergarten und auch zu Hause werden heute immer höhere An-
forderungen an die Kinder gestellt. Der Erfolgsdruck, dem Kinder heutzutage von klein auf ausgesetzt sind ist enorm und oft zuviel.
In welchem Alter sind Kinder für Essstörungen am anfälligsten?
Psychotherapeuten berichten von immer jüngeren Patienten, die an Essstö-
rungen leiden. Teilweise haben Kinder schon mit zehn oder zwölf Jahren eine
ausgeprägte Essstörung. Oft reagiert ein Kind mit seiner Essstörung direkt
auf ein akutes Problem, aus dem es keinen Ausweg weiß.
Wie kann man betroffenen oder gefährdeten Kindern wieder Spaß am Essen vermitteln?
Eltern sind auch in punkto Essen für ihre Kinder ein Vorbild. Wenn zu Hause
gerne gekocht wird, wenn das gemeinsame Essen genossen wird, lernt das Kind natürlich einen ganz anderen Umgang mit dem Essen, als wenn gemeinsame Mahlzeiten nur der Nahrungsaufnahme dienen, von starren Regeln beherrscht sind oder gar nicht erst stattfinden.
Wichtig ist, dass Kinder die Freiheit haben, sich selbst das auf den Teller zu
geben, was sie essen möchten, ihnen also nichts aufgedrängt wird. Außer-
dem ist die Atmosphäre am Esstisch wichtig. Der Fernseher sollte beim Essen
ausgeschaltet bleiben, und es sollte Raum geben für Gespräche - aber nicht
nur übers Essen oder Probleme!
Was kann ich tun, wenn ich feststelle, dass mein Kind eine Essstörung hat?
Das Allerwichtigste ist: Nicht in Panik geraten, wenn ein Kind typische Symp-
tome zeigt oder wenn der Kinderarzt auf eine mögliche Essstörung des Kindes hinweist. Für die Eltern ist es wichtig, dass sie es nicht als persönliche Niederlage ansehen, wenn ihr Kind durch Essprobleme signalisiert, dass es Hilfe braucht. Wichtig ist, sofort etwas zu unternehmen, um sich und dem Kind zu helfen.
Wohin kann ich mich wenden?
Am besten zunächst an eine Beratungsstelle für Essstörungen, den Kinderarzt oder an eine Familien- oder Erziehungsberatungsstelle. Der Arzt sollte das Kind auch medizinisch untersuchen, um eine organische Krankheit auszuschließen. Eine rein ärztliche Behandlung, zum Beispiel durch Diäthalten ist bei einer Essstörung allerdings ungeeignet. Dies würde nur die Symptome bekämpfen, nicht aber die Ursachen.
Macht eine Therapie für Kinder Sinn?
Ja, auf jeden Fall. In einer Therapie geht es nicht alleine darum, gegen die akuten Symptome der Nahrungsverweigerung oder des Überessens und Erbrechens anzugehen. Es soll vielmehr das gesamte psychische Gleichgewicht des Kindes wiederhergestellt werden. Ziel der Therapie ist es, dem Kind das verlorene Vertrauen in sich selbst und in sein unmittelbares Umfeld wiederzugeben.
Was bringt eine Familientherapie?
Es macht wenig Sinn, ein Kind völlig losgelöst von seiner Familie zu behandeln, denn je jünger es ist, desto abhängiger ist es in allen Lebensbereichen von den Eltern. In einer Familientherapie geht es deshalb nicht um das Kind allein, sondern um die Familie als Ganzes. In die Suche nach Ursachen und Auslösern der kindlichen Essstörung werden alle Familienmitglieder einbezogen. Sie lernen, Bedürfnisse im Umgang miteinander besser auszudrücken und Konflikte nicht über das Kind auszutragen. Das Kind lernt, auf Probleme anders zu reagieren als durch Essen oder Nichtessen.
Und was spricht für eine Einzeltherapie?
Auch eine Einzel-Psychotherapie kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Eltern bereit sind, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und zu ändern. Für Kinder wählt man meistens die Methode der Spieltherapie, denn über das Spiel kann das Kind Gefühle besser ausdrücken.
Gibt es auch Gruppentherapien für Kinder?
Ja. Allerdings ist eine Gruppentherapie nur dann angebracht, wenn das Kind
fähig ist, Kontakte zu anderen Kindern zu knüpfen und nicht auf die ungeteilte
Aufmerksamkeit des Therapeuten angewiesen ist. In der Gruppe wird mit
kreativen Methoden, Rollenspielen, Gesprächen, Gestaltung, Musik und Bewe-
gung gearbeitet. Das Kind lernt, die eigenen Bedürfnisse zu äußern und durch-
zusetzen, sich gegenüber anderen abzugrenzen und Gefühle wie Freude, aber
auch Trauer und Aggressionen auszuleben.
Sollten sich auch die Eltern professionelle Hilfe suchen?
Sicher hilft es, außer mit dem Partner auch mit anderen Menschen darüber zu reden. Vielleicht existiert aber zudem das Bedürfnis, selbst einen Therapeuten zu konsultieren oder sich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen. Beratungsstellen vermitteln gerne den Kontakt zu Selbsthilfegruppen speziell für Eltern essgestörter Kinder; einige bieten darüber hinaus Elternseminare an.
Wichtig ist in jedem Fall, dass auch die Eltern ihr eigenes Verhältnis zum Essen kritisch unter die Lupe nehmen und klären, ob das Thema Essen in der Familie vielleicht überbetont wird.
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